60 Jahre Landwarenhaus

Es ist schon eine Erinnerung, einen Rückblick wert, unser „Kaufhaus“ feiert 2021 seinen 60. Geburtstag. Heinz Windisch, Vorstandsvorsitzender der Konsumgenossenschaft Karl-Marx-Stadt, stellte am 28.5.1959 einen Antrag an den Rat des Kreises Stollberg für eine Baugenehmigung für das Landwarenhaus in Leukersdorf. Die vom Baumeister Kay (Konsumgenossenschaftsverband Karl-Marx-Stadt) überarbeiteten Unterlagen wurden durch die staatliche Bauaufsicht des Kreisbauamtes Stollberg am 1.6.1960 genehmigt. Es sollte ein Landwarenhaus vom Typ A nach damaligen DDR Standard errichtet werden. Der Entwurf stammte vom Bezirksentwurfsbüro Frankfurt/Oder. Die Größe sah 3 Verkaufsräume, mit insgesamt 186m² Verkaufsfläche vor.
Es sollte ein Verkaufsstand 5,6 m², 3 Lagerräume 45,6 m², eine Warenannahme 13,4 m² und die nötigen Sanitärräume errichtet werden, dazu noch Keller und Dachgeschoss.
Im Dachgeschoss wohnte Heinz Windisch mit seiner Familie. Das Kellergeschoss wurde im NAW (Nationales Aufbauwerk) und der weitere Bau von der Firma Thieme aus Jahnsdorf errichtet. Am 11.6.1961 erfolgte die Gebrauchsabnahme durch den Rat des Kreises Stollberg. Am 26.6.1961 wurde nach 8 - monatiger Bauzeit das Landwarenhaus übergeben.
Von 1961 bis 1989 leitete Herr Heinz Windisch mit seiner Frau das Konsumlandwarenhaus. Ca. 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren ständig bestrebt, die Kundenwünsche zu erfüllen – wenn es auch nicht immer einfach war. Das Sortiment bestand aus Lebensmittel, Waren des täglichen Bedarfs (1000 kleine Dinge), Textilien und Haushaltswaren. Größere Gegenstände wie Waschmaschinen, Kühlschränke, Fernseher usw. hatten keinen Platz in den Verkaufsräumen, konnten aber bestellt werden.
Das Kaufhauskollektiv erfüllte auch hierbei fast alle Wünsche. Die Grundfläche des Kaufhauses reichte bald nicht mehr aus. Die Kunden kamen nicht nur aus Leukersdorf, Jahnsdorf, Pfaffenhain oder Seifersdorf, sondern aus allen umliegenden Orten. Es hatte sich herumgesprochen, dass man im Kaufhaus fast alles bekommen konnte. Herr Windisch besorgte auch Artikel, die damals in der DDR zur Mangelware gehörten. Obst und Gemüse wurden im Sommer ohnehin schon vor dem Kaufhaus in einer Holzverkaufshütte angeboten. Die Konsumgenossenschaft des Kreises Stollberg mit Sitz in Meinersdorf stellte deshalb am 26.3.1981 einen Antrag zur Genehmigung eines Lagerraums.
Am 5.5.1981 stimmte die Gemeinde Leukersdorf zu. Die Fertigabnahme des Anbaus erfolgte bereits im Oktober 1982. Dieser Anbau wird heute als Verkaufsraum für Getränke und als Lagerraum für Leergut genutzt. Aus meinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen das Kaufhaus betreffend kann ich nur Positives berichten. Das Personal war immer freundlich, hilfsbereit und bestrebt alle Wünsche zu erfüllen, soweit es die damalige wirtschaftliche Lage zuließ. Beispiele gab es dafür viele. Bei geplanten Familienfeiern konnte man schon einmal was „Besonderes“ auch in größeren Mengen bestellen (z.B. Wernesgrüner Pils). Man wurde nie enttäuscht! Dinge, die in der DDR nicht immer im Regal lagen, wie Bananen, Südfrüchte, Ölsardinen usw. bekam man als einheimischer Kunde verpackt in den Korb gelegt. Zu dieser Zeit gab es auch die Beschriftung am Regal „bitte nur eine Packung entnehmen“. Dank der Organisation von Kaufhauschef Windisch und seinen fleißigen Mitarbeiterinnen sind diese Gegebenheiten jener Zeit gut überstanden worden. Einen Höhepunkt erlebte das Kaufhausteam am 1.5.1983, als sie mit dem Orden „Banner der Arbeit“ ausgezeichnet wurden. Auch aus heutiger Sicht eine verdiente Ehrung für die erbrachten Leistungen. Jährlich gab es noch weitere Auszeichnungen für die Mitarbeiter wie, „Aktivist“, „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“, aber auch Geldprämien.
All diese Ehrungen würdigten die Arbeit und den Zusammenhalt des Kollektivs. Eine Erinnerung ist es auch wert, über die Mitgliedschaft im Konsum zu berichten. Als Mitglied bekam man für jeden Einkauf Konsummarken, die in ein Markenheft geklebt wurden. Einmal jährlich wurde das Buch abgerechnet und man erhielt für die Summe der Marken einen Betrag von etwa 1 bis 3% je nach wirtschaftlicher Lage der Konsumgenossenschaft in bar ausgezahlt.
An diesem Tag gab es auch immer etwas zu kaufen, was sonst nicht im Regal lag. Der Konsum hatte sich somit einen großen Stammkundenanteil geschaffen, der die Einkäufe vor Ort tätigte. In der Zeit von 1961 bis 1989 gab es sicherlich viele Episoden und Ereignisse, über die man berichten könnte. Ich habe hier 3 aufgeschrieben.
In den 80er Jahren unterhielten die Fußballer von Traktor Leukersdorf gute Beziehungen zu einer tschechischen Mannschaft. Man besuchte sich gegenseitig und für die Besucher aus Tschechien öffnete das Landwarenhaus sogar an einem Sonntag die Türen, damit die Gäste einkaufen konnten. Auch das war eine nette, anerkennenswerte Geste in der damaligen Zeit. Und dann gab es auch noch die sogenannten “Kellerkunden“, die sonntags zu Herrn Windisch kamen und spezielle bestellte oder knappe Waren abholten, die im Keller gelagert wurden. Auch in Seifersdorf bei Reitturnieren und Wohnbezirksfesten waren die Kaufhausangestellten sehr aktiv und boten dort ihre Waren an und versorgten die Gäste mit Speis und Trank. Zur Wendezeit 1989/90 gab Heinz Windisch die Leitung des Kaufhauses ab. 1990 wurde die Konsumverkaufsstelle von der EDEKA-Gruppe übernommen, wobei nicht alle Arbeitsplätze erhalten werden konnten. 1994 kaufte Hans Geißinger aus Bayern die Immobilie und führte mit seiner Frau einen privaten EDEKA Markt bis 2004. 2004 gab es eine Geschäftsübergabe an die Herren Demmler und Danneberger. Der Markt wurde umbenannt in H.G.B.-Supermarkt und später in GEH-HGB bis Ende April 2005. Danach wurde im selben Jahr der neue Markt eröffnet: „nah & gut“ als Partner der EDEKA. Inhaberin ist seit dem 23.8.2005 Utta Leichsenring. Sie hatte schon, wie ihre Mutter Hilde Leichsenring, seit 1988 im ehemaligen Kaufhaus gearbeitet.
Vielen Bürgern aus Leukersdorf fiel ein Stein vom Herzen – endlich ist die Versorgung mit den wichtigsten Lebensmitteln und anderen Produkten wieder gesichert. Im heutigen „nah & gut“ arbeiten zwar weniger Mitarbeiterinnen als vor der Wende im Konsum, aber die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Kollektivität ist geblieben. Wie damals ist auch heute unser Kaufhaus ein Ort der Begegnung, in dem die Leute noch miteinander reden und sich über Ereignisse im Ort austauschen.
Vielen Dank an Utta Leichsenring und ihren Mitarbeiterinnen für die jahrelange hervorragende Kundenbetreuung!

Vor 60 Jahren wurde nicht nur das Kaufhaus in Leukersdorf eingeweiht, sondern auch in Berlin die Mauer gebaut. Die Mauer ist weg, unser Landwarenhaus steht noch, zwei Gründe zum Feiern!
Viel Erfolg und Kraft für die weiteren Jahre „Landwarenhaus“.
Dank auch allen, die mir Hinweise und Bilder zum Thema zukommen lassen haben!
Günter Gränitz
Heimatverein Leukersdorf e. V.









