100 Jahre Kraftomnibus Linie 200 Chemnitz-Neukirchen-Leukersdorf
Schon in der Vergangenheit waren die Bestrebungen der Menschen immer auf die Mobilität und die damit verbundene Erweiterung von Kontakten zu anderen Regionen gerichtet. Seit dem Mittelalter ermöglichten erste Wegeverbindungen den Austausch von Waren und die damit einhergehende Verbesserung der Lebensverhältnisse unserer Vorfahren. In der Erzgebirgslandschaft sind dazu die Fahrwege der sogenannten „Bömischen Steige“ zu erwähnen. Diese Fahrwege überwanden den Kamm des Gebirges und stellten so die Verbindung zwischen Sachsen und Böhmen im Mittelalter dar.
Für unseren Ort Leukersdorf finden wir auf der 1615 herausgegebenen ersten Karte von Leukersdorf einen Fahrweg von Stollberg nach Chemnitz gezeichnet, der noch heute dem Verlauf der ehemaligen B169 entspricht. Der Fahrweg war zu dieser Zeit schon mit einer Brücke über den Dorfbach von Leukersdorf versehen (in der Karte als „Brük“ vermerkt). Da aber die Würschnitz in Pfaffenhain nur mit einer Furt gequert werden konnte, war der Betrieb einer Postkutschenlinie noch nicht gegeben. Erst nach dem Bau einer Brücke 1730 über den Würschnitz Bach eröffnete sich die Möglichkeit eines regelmäßigen Postkutschverkehrs auf der Strecke Chemnitz - Stollberg. Damit ergab sich erstmals die Möglichkeit mit einem öffentlichen Verkehrsmittel den Ort Leukersdorf zu verlassen. Leider befand sich an der Durchfahrt unseres Ortes noch keine Haltestelle am ehemaligen Gasthof Weidauer. Die Fahrgäste mussten bei langsamer Fahrt der Postkutsche zusteigen, wenn noch freie Plätze vorhanden waren.
Nach Fertigstellung der Eisenbahnlinie Chemnitz – Stollberg im Jahr 1895 mit Zustiegsmöglichkeiten in Jahnsdorf und Pfaffenhain, verbesserte sich die Verkehrsanbindung für die Leukersdorfer Einwohner besonders im unteren Ortsteil. Für den oberen Ort war ab 1885 die Eröffnung der Haltestelle Ursprung der Bahnstrecke Lugau – Wüstenbrand (gebaut 1858 für den Transport der Steinkohle) eine oft genutzte Möglichkeit Chemnitz oder Lugau zu erreichen.
Bereits ab 1. September 1910 richtete der neu gegründete Verein „Automobilbusverbindung Neukirchen – Chemnitz“ eine Kraftomnibuslinie Neukirchen – Chemnitz probeweise ein, die im gleichen Jahr bis Leukersdorf erweitert wurde.
Auf dieser Linie pendelten vier Busse mit einer Kapazität von je 20 Plätzen. Die Linie wurde allerdings im ersten Weltkrieg 1915 eingestellt.
Erst 1920 konnte der Verkehr auf dieser Linie wiederbelebt werden.
Zum Winterfahrplan 1924 startete mit der Buslinie Nr. 200 Chemnitz – Neukirchen – Leukersdorf der regelmäßige öffentliche Nahverkehr in unserem Ort. Damit war Leukersdorf in seiner ganzen Länge an den öffentlichen Kraftomnibusverkehr angeschlossen.
Aus einem Fahrplan von 1915 ist ersichtlich, dass die Haltstellen der Linie Chemnitz – Neukirchen an den auf der Strecke liegenden Gasthöfen lagen.
Vermutlich kamen damit für Leukersdorf folgende Haltestellen in Frage:
Gasthof Weidauer / Schankwirtschaft Harzbecker / Goldener Anker / Ratskeller / Hugo Huth an der Mittelbacher Straße.
Ab Juli 1929 kam hier der oben im Bild dargestellten Doppeldeckerbus für 100 Fahrgäste zum Einsatz. Auch während des 2. Weltkrieges wurde die Linie 200 mit Einschränkungen weiter aufrechterhalten.
Am 9. Juli 1945 nahm die Linie Chemnitz - Neukirchen - Leukersdorf als erste Verbindung ins Umland den regelmäßigen Busverkehr wieder auf.
Da ein großer Teil der Leukersdorfer Einwohner nach dem Krieg in der Industriestadt Chemnitz arbeitete, war der Busverkehr eine notwendige Voraussetzung für die Erreichung der Arbeitsplätze. Entsprechend voll besetzt waren die Linienbusse vor Arbeitsbeginn und nach Arbeitsschluss. Ab 1953 konnten auch die Seifersdorfer Einwohner für ihren Arbeitsweg, die nun realisierte Verlängerung in den Ort, nutzen.
Nach der Wende und ihren Umbrüchen in der Arbeitswelt und der damit verbundenen Zunahme des Individualverkehrs, hat der Busverkehr im ländlich geprägten Raum an Bedeutung verloren. Nur für den Schülerverkehr zu den einzelnen Schulstandorten ist diese Beförderungsart noch unerlässlich.
In Leukersdorf ist heute das Zusammenspiel von Ringverkehr Linie 200 „Hutholz – Leukersdorf - Hutholz“ und der City-Bahn eine mögliche Alternative zum PKW-Verkehr in Richtung Stollberg und Chemnitz.
Eckhard Rehnert
Quellen:
R.Fritzsches Kursbuch für Sachsen 1915
Chronik Leukersdorf/Verkehr/Karte/1615 Leukersdorf
Freie Presse 13.08.2010 M. Fischer

